Von SelbstBEWERTUNG zu SelbstANNAHME

Es ist leicht, anderen Tipps zu geben, wie sie ihren Selbstwert, ihr Selbstbewusstsein, ihre Selbstsicherheit stärken können. Schließlich gehört das ja zu meinem Job als Pädagogin, den ich gelernt habe... In diversen Förderplänen, die heutzutage von Seiten öffentlicher Stellen wie Jugendämtern und Arbeitsagenturen eingefordert werden -und gut ein Viertel der Arbeitszeit beanspruchen- definiere ich optimistisch und zielorientiert Schritte zur Erreichung z.B. für das beliebte und häufig anzustrebende Ziel: „Mehr Selbstsicherheit / mehr Selbstvertrauen aufbauen“.

 

Ich habe inzwischen eine gewisse Routine darin, diese Schritte und Maßnahmen zur Zielerreichung zu formulieren. Gemeinsam mit dem Schüler / Klienten erarbeite ich, was zu tun ist, aus seiner Sicht bedeutet das beispielsweise:

 

 

Auch eine „Zeitreise“ kann nützlich sein:

  • Wie sah mein Leben vor zwei Jahren, vor einem Jahr, vor einem halben Jahr aus?
  • Woran merke ich, dass ich jetzt selbstbewusster bin?
  • Woran würde dies jemand merken, der mich zuletzt vor 3 Jahren gesehen hat?
  • Was hat sich innerhalb der letzten drei, vier Monate konkret verändert?
  • Welche Schritte bin ich schon in Richtung Ziel gegangen?

 

Ich freue mich mit meinen Kolleginnen, wie wir positive Entwicklungen verstärken, auch nur die zartesten Bewegungen in Richtung Zielerreichung loben und würdigen, wie sachlich wir inzwischen Kritik üben können und dabei den Fokus auf die Stärken legen, dass uns immer wieder kreative Ideen einfallen und unser Enthusiasmus schließlich überlebt hat, obwohl viele Interventionen oftmals ein Tropfen auf dem heißen Stein bleiben, wenn man die Vorgeschichte kennt...

 

Aber wie sieht es bei mir selbst aus?

Da ist es nicht so einfach mit der Formulierung geschweige denn der Umsetzung dieser tollen pädagogischen Tipps... natürlich nicht, denn auch ich habe eine Vorgeschichte...

 

Wenn ich mich mit dem Thema Selbstsicherheit beschäftige, begegnen mir Fragen wie:

  • Wann bin ich selbstsicher?
  • Unter welchen Bedingungen fühle ich mich stark?
  • In welchen Situationen glaube ich, der Welt gewachsen zu sein?
  • Wann glaube ich, dass mich nichts umhauen kann?
  • Wovon hängt mein Selbstwertgefühl ab?
  • Warum ist es nicht wie ein Mantel, den ich mir bei Bedarf überhängen kann?
  • Warum ist es keine „konstante“ Größe?

 

Die Analyse der Antwort auf diese Fragen lässt sich auf folgenden Zusammenhang einschrumpfen: Am Ende steht der Schluss, dass meine „innere“ SICHERHEIT, meine „Selbstsicherheit“, mit den „äußeren“ KONSTELLATIONEN zusammenhängt. D.h., wenn ich die Bedingungen in meinem Umfeld als positiv erlebe und bewerte, fühle ich mich sicher. Wenn ich ein Lob bekommen habe, wenn andere stolz auf mich sind, mich bewundern, warum auch immer.... wenn ich also einen Erfolg verzeichnen kann, was immer das heißt, dann wachse ich und fühle mich sicher und richtig.... Das ist natürlich schön, wenn mir alle wohlgesonnen sind und ich einen sicheren Platz im Leben gefunden habe... einerseits. Andererseits gibt es natürlich Situationen, in denen ich an mir zweifle, in denen ich denke, dass ich nichts auf die Reihe kriege, in denen ich einfach alles hinschmeißen oder aufgeben möchte. Dazu fällt mir der Spruch ein, der an der Bürotür meiner Kollegin hängt:

 

„ICH SCHMEISS ALLES HIN UND WERD PRINZESSIN!!!“

 

Vielleicht ist das ja eine Alternative. Aber wenn nicht???

 

Auch hier stelle ich fest, dass mein Befinden in unangenehmen Situationen wieder extern gesteuert wird. Gelingt mir beispielsweise eine Sache nicht, ernte ich möglicherweise Geringschätzung, Missbilligung, Abwertung oder Wut vom Gegenüber, was wiederum bei mir negative Gefühle auslöst, allem voran schrumpft mein Selbstwert gegen Null!

 

Dieser Zusammenhang ist umso dramatischer, je mehr ich darüber nachdenke. Denn ich stelle fest, wie sehr ich mich in der Art und Weise, wie ich mich fühle, wie ich mich bewerte, von meiner Umwelt abhängig mache... Ich bin völlig gefangen im Netz der „Fadenspinner“, derjenigen, die meinen Stimmungspegel in der Hand zu halten scheinen und nach Belieben die Fäden ziehen oder loslassen können... Somit lasse ich auch mein Energieniveau und meine Motivation von außen bestimmen.... Ich habe die Macht, über mein Leben, über meine Einstellung zu mir und zu dem, was mich ausmacht, zu bestimmen, nach außen delegiert! Was für eine Erkenntnis!

 

Ich fühle mich manchmal wie ein bereits fertiger Bausatz, bei dem alle Einzelteile schon unwillig und teilnahmslos daliegen. Irgendwann legt der Handwerker los. Ich jedoch weiß nicht, was dabei herauskommen soll. Ich fühle mich ausgeliefert und weiß, dass ich keinen Einfluss nehmen kann, denn alles scheint vorgegeben, so dass weder Kreativität, Flexibilität noch eine Richtungsänderung möglich ist. Manchmal scheint der Handwerker auch noch die Bauanleitung verschmissen zu haben....

 

 

Wie kann ich denn nun wieder das Kommando übernehmen? Wie schaffe ich es, wieder Akteur zu werden, aktiv und voller Freude an meinem Leben zu basteln und zu bauen, den Mut zu haben und mir das Recht zu nehmen, durch Versuch und Irrtum zu lernen statt zu verzweifeln und mich frustriert zurückzuziehen?

 

 

Allein das Wort SelbstWERT lässt schon erahnen, dass die Festlegung meines Wertes etwas mit Vergleichen und BEwerten zu tun hat. Den Wert von materiellen Gütern wie Grundstücken, Schmuck, Immobilien, Autos etc. kann ich festlegen, in dem ich ähnliche Güter vergleiche und nach bestimmten Kriterien ihren Wert einordne und schließlich festlege. Doch nach welchen Kriterien sollte ich meinen Wert bestimmen? Danach, welchen Beruf ich ausübe? Danach, wie viel oder wenig Geld sich gerade auf meinem Konto befindet? Danach, ob ich viele oder wenige Freunde habe? Danach, ob ich gesund oder krank bin? Danach, ob ich dick oder dünn bin, groß oder klein, jung oder alt, zufrieden oder unglücklich??? An dieser Stelle sollten wir uns klar werden, dass solche äußeren wie auch immer gearteten Merkmale NIEMALS den Wert eines Menschen bestimmen können, sondern alle Menschen im Kern von Natur aus, aufgrund ihrer Einzigartigkeit den gleichen WERT besitzen. Was wir daraus machen, in dem wir uns selbst oder uns gegenseitig auf- oder abwerten, beeinflusst die Wahrnehmung unseres Wertes und verfälscht ihn auf eine künstliche Art und Weise.

 

Wie können wir uns nun von der Abhängigkeit von externen Bewertungen lösen und diesem in uns wohnenden WERT mehr Vertrauen und Glauben schenken, so dass er zur Gewissheit heranwachsen kann? Wie können wir ihn in unser alltägliches Bewusstsein einpflanzen und diese zarte Pflanze nähren?

 

Die Voraussetzung, dass dies gelingen kann, müssen wir in uns selbst schaffen, in dem wir uns selbst annehmen, und zwar mit unserer ganzen Vergangenheit, mit unseren erlittenen Verletzungen, mit allen freudvollen, „edlen“ und ungeliebten Gefühlen, mit unseren Stimmungsschwankungen, mit unseren schönen und unschönen Erlebnissen, mit allen Ecken und Kanten, Hochs und Tiefs, Erfolgen und Misserfolgen, die unsere Persönlichkeit so einzigartig machen.

 

1. Um uns so annehmen zu können wie wir sind, ist es hilfreich, unsere hohen Ansprüche in Bezug darauf, wie wir von anderen gesehen werden wollen, herabzuschrauben. Dies schützt uns vor Überforderung, nimmt den Druck und lässt uns ruhiger und entspannter werden:

  • Ich muss nicht perfekt sein! Ich habe das Recht darauf, durch Fehler zu lernen!
  • Ich muss nicht von allen geliebt und anerkannt werden!
  • Ich muss es niemandem Recht machen, ich lebe selbstbestimmt und trage die Verantwortung für mich und mein Handeln
  • Ich darf auch „Nein“ sagen und widersprechen
  • Ich darf die ganze Bandbreite meiner Gefühle zeigen
  • Ich muss niemandem zeigen, wie toll mein Leben ist! Es muss nicht immer leicht sein und ich kann auch Unangenehmes aushalten!
  • Ich verfüge über zahlreiche Fähigkeiten und Talente, die meine Individualität ausmachen
  • Ich sorge für mich, in dem ich mir erlaube, authentisch und echt sein zu dürfen

 

2. Uns anzunehmen, bedeutet auch, sorgsam und respektvoll mit uns umzugehen. Wie oft kommt es vor, dass wir schlecht über uns selbst „reden“, was oft auch nur in Gedanken geschieht, aber dennoch an unser Unterbewusstsein andockt. Wir ertappen uns bei Selbstverurteilungen, Selbstvorwürfen, Beschimpfungen wie z.B.

„Wie kann man nur auf so was reinfallen!“

„Wieder typisch! Das kann ja nur mir passieren!“

„Ich Vollidiot!“

„Ich Tollpatsch!“

usw...

 

Stattdessen sollten wir mit uns reden wie mit einem guten Freund, der zwar nicht perfekt ist, aber es trotzdem gut mit uns meint. Dafür müssen wir sensibel werden für Äußerungen, die wir an uns richten und dabei sehr gut auf die Wortwahl achten. Vor allem müssen wir lernen, bei der Beurteilung zwischen unserem Verhalten und uns als Person zu unterscheiden. Denn unser Verhalten mag manchmal fehlerhaft sein, aber unser Wert an sich wird dadurch nicht angetastet.

 

3. Ein Perspektivenwechsel kann hilfreich sein, um gnädiger mit sich umzugehen und die eigenen Macken oder Fehler zu relativieren: Wie verhalten Sie sich, wenn ein guter Freund etwas Falsches, etwas Peinliches macht, wenn er seinen Job oder die Ehefrau verliert? Wenn er durch eine Prüfung fällt oder vom Chef schräg angeredet wird, weil er einen Auftrag vergessen hat? Wie schwer wiegt dann der „Fehler“, wenn nicht Sie ihn begangen haben?

Nehmen Sie Abstand zu sich!

 

Seien Sie gnädig und nachsichtig mit sich selbst. Geben Sie sich Tipps, wie Sie es das nächste Mal besser machen können, trösten Sie sich, machen Sie sich Mut – machen Sie all das, was Sie für Ihren Freund tun würden...