Das SELBST - unser innerer Wesenskern und die Entstehung des EGOs

Wer bin ich wirklich?

Ich kenne mich schon ziemlich lange... Und doch fällt mir keine „runde“ Antwort ein. Ich frage mich, ob meine Persönlichkeitsmerkmale, also wie ich denke, wie ich mich verhalte, wie ich fühle, aber auch äußere Merkmale wie Gestik, Mimik, die Art zu sprechen, zu Gehen, das sind, was man ICH nennt.

Bin ICH also die Summe aller Eigenheiten, die ich während meines Lebens entwickelt habe?

 

Diese Kennzeichnung stellt mich nicht zufrieden. Ich selbst schreibe mir andere Eigenschaften zu als es andere Menschen tun würden. Kollegen werden ein anderes Bild von mir haben als Freunde oder Familienmitglieder. Und was ich je nach Situation von mir preisgebe, sind nur Teile meiner Persönlichkeit. Das, was wir alltagsläufig als ICH bezeichnen, kann nur einen Ausschnitt meines Wesens beschreiben. Und meinem Wesen kann man sicherlich bestimmte Verhaltens- und Handlungsweisen sowie typische Persönlichkeitseigenschaften zuschreiben, die sich im Laufe des Lebens etabliert haben. Aber was wäre, wenn ich andere Erfahrungen gemacht hätte und z.B. in einem anderen Umfeld groß geworden wäre? Oder wenn ich einen anderen beruflichen Weg eingeschlagen hätte? Dann wäre ich jetzt wahrscheinlich „anders“, weil mich andere Werte, Normen und Einstellungen beeinflusst hätten. Aber wäre dann nicht mein ICH sozusagen als mein innerster Wesenskern dennoch derselbe?

 

Ich behaupte ja. Persönlichkeitsmerkmale entwickeln sich mit unserer Lerngeschichte und können sich auch im Laufe der Zeit verändern. Aber es gibt so etwas wie eine Grundstimmung, die nur mir zu Eigen ist und die wie eine Art Grundfrequenz immer mitschwingt.

Dieser Wesenskern entspricht meiner Seele, die ihren Weg geht. Durch Lernerfahrungen wird sie vollkommener.

Mein innerer Wesenskern - das SELBST

Ich möchte diesen Teil, der tief in meinem Körper wohnt, das SELBST nennen. Das SELBST ist still, unscheinbar und kaum wahrnehmbar. Es lässt sich nicht auf die alltäglichen Kämpfe um Rechthaben und Macht ein, es kümmert sich nicht um Beurteilungen und Bewertungen. Anerkennung und Ansehen bedeuten ihm nichts, es streitet nicht, es lässt sich nicht provozieren. Es ruht in sich selbst. Daher wird es leicht übersehen, besser gesagt, „überfühlt“, denn Leben spielt sich im lauten Außen ab. Emotionen, Kämpfe, Action sind es, die uns den Eindruck von Lebendigkeit vermitteln. Also konzentrieren wir uns auf dieses Außen und beschäftigen uns mit den Themen, die in unserem Alltag zu bewältigen sind. Dabei verbringen wir einen erheblichen Teil unseres Lebens in einem unbewussten Zustand, ihm „Auto-Pilot-Modus“. D.h. wir erledigen viele Aufgaben automatisiert, wir lassen uns fremdbestimmen, erfüllen verschiedenste Anforderungen oft ohne zu hinterfragen. Dies führt dazu, dass wir immer mehr den Zugang zu unserem SELBST verlieren.

Warum laden wir uns all diese „Viren“ auf unsere Festplatte?

Wenn wir auf die Welt kommen, sind wir sozusagen „unbeschrieben“. Unsere Festplatte ist leer, d.h. es gibt noch keine Regeln, keine Beschreibungen, keine Anleitungen dafür, wie Leben geht. Wir sind noch „wir selbst“. Unser SELBST ist noch in seiner reinen Form wahrnehmbar, es ist noch nicht überlagert von äußeren Einflüssen, Erlebnissen und Erfahrungen. Aber wir leben nicht in einem Vakuum, sondern sind von Anfang an in Kontakt mit unserer Außenwelt, von der wir Menschen als „Nesthocker“ abhängig sind. Um zu überleben, passen wir uns an die Erwartungen und Anforderungen unserer Bezugspersonen an. Wir begreifen, wie wir sein müssen, um anerkannt, akzeptiert und geliebt zu werden und verinnerlichen diese Eigenschaften. Wir lernen auch, was wir nicht tun, denken und fühlen dürfen, um Ausgrenzung und Ablehnung zu vermeiden. Durch die Kommunikation und Interaktion mit unserem Umfeld machen wir Erfahrungen, aus denen wir Schlüsse ziehen, Verallgemeinerungen anstellen und Entschlüsse fassen, unbewusste Vereinbarungen treffen, die uns später vielleicht nicht mehr dienlich sind. Dies passiert überwiegend unbewusst.

Im Laufe unserer Lerngeschichte haben sich schließlich Persönlichkeitseigenschaften, Denk- und Verhaltensweisen etabliert, die ursprünglich die Funktion hatten, unser Überleben in UNSEREM Umfeld, in das wir hineingeboren wurden, zu garantieren und zu sichern.

Leider sind viele dieser Überlebensmuster geprägt von Mangelgefühlen wie Kränkung, Scham, Wertlosigkeit und Unzulänglichkeit, die wir irgendwann erlitten haben. Sie entspringen Erfahrungen, die wir vor langer Zeit gemacht haben. Wir halten an diesen früh entstandenen Mustern fest, auch wenn sich die Zeiten geändert haben und sie uns heute nicht mehr dienlich sind. Oftmals führen sie zu Krisen und Konflikten und können unsere Weiterentwicklung blockieren. Dennoch beschreiben sie uns als Individuen, wir erleben sie als Teil unserer Identität. Deshalb fällt es uns so schwer, alte Muster zu hinterfragen und aufzugeben, denn es würde sich so anfühlen, als würden wir einen Teil unserer Identität aufgeben und uns quasi selbst in den Rücken fallen. Wir müssten uns eingestehen, den falschen Weg gegangen zu sein, eine falsche Abzweigung genommen zu haben. Wir müssten ein Stück zurück laufen, um eine neue Entscheidung zu treffen. Das erfordert Einsicht und Mut. Und was würden die anderen erst denken? Oft ist es leichter und bequemer, den ausgetretenen Pfad einfach weiterzugehen...

Identifikation mit dem EGO

Auf dem Weg vom Kind zum Erwachsenen verinnerlichen wir durch zahlreiche Erfahrungen und Erlebnisse mit Familienmitgliedern, mit Lehrern und anderen wichtigen Personen eine Menge an Verhaltens- und Denkweisen, die sich zu ganzen Überlebensprogrammen zusammenrotten. Auch unser Umfeld schreibt uns bestimmte Eigenschaften zu, bewertet unser Verhalten, Denken und Handeln. Wir lassen uns von den Medien inspirieren und beeinflussen. Schließlich etablieren wir unser persönliches Weltbild, wir nehmen eine Haltung ein und bilden uns Meinungen zu den unterschiedlichsten Themen. Wir eignen uns eine Lebensphilosophie an, in der bestimmte Werte, Regeln und Normen gelten und mit der wir uns identifizieren. Wir definieren, was für ein Ort die Welt für uns ist und welche Rolle und Funktion wir uns darin zuschreiben. Wir haben eine Vorstellung davon, wer wir sind, was uns ausmacht, wie wir uns einschätzen, wo wir unsere Stärken und Schwächen sehen. Unser Selbstbild ist entstanden. Mit diesem entstandenen Bild identifizieren wir uns. Es ist das, was wir meinen, wenn wir „ICH“ sagen.

 

„Ich finde, man sollte Tiere besser behandeln!“

„Warum mach ich immer den gleichen Fehler!“

„Ich weiß einfach besser, wie das geht!“

„Ich habe das nicht verdient, dass man so mit mir umspringt!“

„Ich bin ein sportlicher Typ!“

 

Und wie oft sagen wir:

„Ich finde, das geht gar nicht!“

 

Zahlreiche erlernte Glaubenskonstrukte und Überzeugungen überlagern unseren Wesenskern und „verhüllen“ unsere innere Essenz. Es hat sich also unabhängig von ihm so etwas wie ein zweites ICH herausgebildet.

Das ist es, was ich unter dem EGO verstehe: Dieses zweite ICH ist unser Identitätsgefühl, das wir entwickelt haben als Ergebnis unserer Erlebnisse und Erfahrungen mit der Außenwelt und der damit entstandenen Konditionierungen.

Ungesehen, unerkannt und unbewusst - unser EGO lebt im Untergrund

Wir sehen die Welt durch unsere Brille, was natürlich nützlich ist, wenn es darum geht, neue Erfahrungen zu bewerten, einzuschätzen und Entscheidungen zu treffen. Wir müssen nicht jedes Mal abwägen und neu überlegen. Unser EGO spiegelt sich in den erlernten Programmen wieder. Es hat einen unermüdlichen Selbsterhaltungstrieb, weil es ja eigentlich dazu gemacht wurde, unser Überleben zu garantieren und zu vereinfachen. Leider befinden wir uns aber, wenn wir im EGO-Modus sind, in einem unbewussten Zustand, d.h. bestimmte Verhaltens- und Handlungsweisen laufen automatisch ab. Wir hinterfragen sie nicht, auch wenn sich vielleicht unsere Lebenssituation geändert hat und unsere persönlichen Erwartungen weiterentwickelt haben. Unser EGO lebt im Untergrund und lenkt von dort aus unser Denken, Handeln und Fühlen. Es ist uns oft nicht bewusst, dass es überhaupt existiert und ein Eigenleben führt. Das EGO ist ein erlerntes, konditioniertes ICH-Gefühl, das eigentlich nicht unserem wahren Wesen entspricht, welches wir aber für unser ICH halten. Es platziert sich wie eine Art Brille oder Filter vor unsere Sinne, wodurch wir alles verzerrt sehen oder bestimmte Dinge gar nicht wahrnehmen. Unser Fokus hat sich verengt. Handlungsspielräume, Chancen und Möglichkeiten werden ausgeblendet.

Ein Video zum Thema finden Sie hier.