Den Kritiker entmachten

Angenommen, Ihr Chef wendet sich an Sie, um Ihnen mitzuteilen, dass Sie die geeignete Person wären, um das neue Projekt, von dem schon seit zwei Jahren gesprochen wird, zu übernehmen und im Betrieb zu implementieren. Sie mögen doch bitte darüber nachdenken... In der nächsten Teamsitzung stellt er das Projekt in großer Runde vor und nennt Sie als Wunschkandidaten. Sie nehmen wahr, wie Kollege Neidmayer das Gesicht verzieht und nun beginnt, seine Vorzüge und Fähigkeiten zu präsentieren. Er informiert ausführlich darüber, über welche Eigenschaften und Qualifikationen er verfügt und warum er mehr als Sie für das anstehende Projekt prädestiniert ist.

 

Was passiert jetzt in Ihnen? Welche Gefühle kommen hoch? Welche inneren Stimmen hören Sie?

Wer tritt jetzt auf die Bühne?

In einer solchen Situation gibt es verschiedene Verhaltensvarianten. Zunächst kommt vielleicht ein Schwall von unterschiedlichen Emotionen hoch. Wir empfinden möglicherweise einen Mix aus negativen Gefühlen wie Scham, Demütigung und Hilflosigkeit, wenn wir nicht gelernt haben, uns durchzusetzen und insgeheim davon ausgehen, dass wir nichts ausrichten können. Gleichzeitig verurteilen wir innerlich den Kollegen, weil er dreist und unverschämt ist, aber wir sagen nichts. Die Stimme in uns gibt unsere Gefühle wieder: „Das ist wieder typisch! Du ziehst mal wieder den Kürzeren. Immer passiert dir so was. So eine Ungerechtigkeit! Das Leben ist hart, aber so ist es nun mal, da kannst du eh nichts machen...“

 

Doch das ungerechte und unverschämte Verhalten des Kollegen kann auch extreme Gefühle von Wut und Ärger auslösen, die sich sofort entladen möchten. Wir spüren einen Impuls, in den Kampf zu ziehen, sich diesen Monolog des Kollegen nicht länger anzuhören. Hier springt ein anderer innerer Anteil in uns an, der sagt: „Das lässt du dir doch nicht gefallen! Wehr dich! Los! Greif an! Oder willst du jetzt vor deinem Chef und den anderen wie ein Depp dastehen?“ Wenn wir gelernt haben, Widerstand zu leisten und der Meinung sind, dass wir Respekt verdienen, so werden wir uns auch in dieser Situation zur Wehr setzen und unsere Position verteidigen. Wir greifen dann auf entsprechende Reaktions- und Verhaltensweisen zurück, die von aufbrausend, wüst beschimpfend bis sachlich argumentierend reichen können, weil diese auf einer Art inneren Landkarte als mögliche Lösungsversuche verzeichnet sind.

 

Möglicherweise meldet sich aber auch der Kritiker zu Wort, der lieber  Sicherheit als Wert schätzt und uns vor Unbekanntem schützen möchte. Ihm ist daran gelegen, unser Leben berechenbar zu gestalten. Alles, was neu und mit Ungewissheit verbunden ist, möchte er von uns fernhalten, da es eine Bedrohung der inneren Stabilität darstellt. Also springt dieser Kritiker auf die Bühne und ruft: „Sei froh, dass der Kelch jetzt vielleicht an dir vorüber geht! Warum willst du dir so was aufhalsen? Das kann nur schief gehen! Lass das sein! Du hast zu wenig Erfahrung! Lass das den anderen machen!“ Wenn wir die Erfahrung gemacht haben, dass Neues eine Bedrohung darstellt und unser Sicherheitsgefühl dermaßen verletzt, dass wir uns dadurch einsam, überfordert und verlassen fühlen, werden wir eher zu dieser Variante neigen und den Rat des Kritikers befolgen, nichts zu unternehmen und am besten alles beim Alten zu belassen.

 

Welche Stimme, welcher Kritiker schließlich auf die Bühne tritt, ist also von unseren Prägungen und Lernerfahrungen abhängig. Diese haben schließlich unser Selbstbild geformt und definieren noch heute unseren Verhaltensrahmen, der auf der inneren Landkarte abgebildet ist. Unser Selbstbild will immer wieder bestätigt werden und wir möchten die Meinungen unserer Eltern und Bezugspersonen über uns, die wir inzwischen übernommen haben, nicht in Frage stellen. Also  identifizieren wir uns mit der jeweiligen Stimme, z.B. „Ich zieh immer den Kürzeren!“, „Das kann ich eh nicht!“. Obwohl die dadurch ausgelösten Gefühle ein negatives Vorzeichen haben, geben sie uns Sicherheit, denn sie sind vertrautes Terrain. Neues erzeugt Unsicherheit.

Disidentifikation

Werden in bestimmten Situationen unsere Kritiker angesprochen, so entscheiden wir uns für eine Verhaltensweise, die uns als die bestmögliche Lösung erscheint. Dies geschieht dadurch, dass wir unbewusst frühere Situationen erinnern, die ähnlich waren und die wir als bedrohlich eingestuft haben, weil sie demütigend, verletzend oder ausgrenzend für uns waren. Unsere Kritiker wurden hier überhaupt erst geformt mit der Funktion, uns zukünftig vor den damit einhergehenden negativen Gefühlen zu schützen. Heute noch agieren wir aus dem Selbstbild des verletzten Kindes von damals heraus, in dem wir uns mit diesem Anteil, der noch in uns vorhanden ist, identifizieren. Dieses Bild ist in einer Zeit entstanden, in der wir hilflos und abhängig waren und noch kein adäquates Handlungs- und Verhaltensrepertoire zur Verfügung hatten, um reflektiert, selbstbewusst und zielgerichtet agieren zu können. Obwohl wir das jetzt vielleicht wissen, neigen wir noch häufig dazu, unser Leben damit zu verbringen, dieses Kind zu verteidigen, es vor Angriffen und Abwertungen des Umfeldes schützen zu wollen, in dem wir uns nach außen hin verletzt, ärgerlich, rechtfertigend, aufbrausend oder eingeschnappt geben. Die Auseinandersetzung im Außen mit unseren Zeitgenossen spiegelt allerdings nur den inneren Kampf wider, den unsere kritischen Anteile in uns austragen. Dies dürfte in den meisten Fällen unbewusst ablaufen. Ein wichtiger Schritt ist, die Bewertungen und Urteile unserer Kritiker wahrzunehmen, sich bewusst zu werden, wann sie aktiv sind und ihren Ursprung zu erkunden. Das bedeutet, wir müssen darauf achten, welche Stimmen wie und in welchen Situationen auftauchen, welche Gefühle sie auslösen und an welche Situationen aus unserer Kindheit sie erinnern.

 

Mit-Leid vs. Mit-Gefühl

Um dann Abstand zu gewinnen und auf eine Meta-Ebene zu gelangen, müssen wir die Identifikation mit dem kindlichen Selbstbild aufgeben und erkennen, dass wir inzwischen erwachsen geworden sind. Wir sind nicht länger dieses Kind und das kindliche Selbstbild entspricht nicht mehr der heutigen Realität. Mit-Leid mit dem verletzten Kind-Anteil muss durch Mit-Gefühl ersetzt werden. Denn mit-leiden geschieht aus der Identifikation heraus, mit-fühlen können wir als erwachsene Person, die sich über die Entstehung und die Existenz des kindlichen Selbstbildes bewusst ist. Sie kann es aber aus einer gewissen Distanz heraus betrachten und das Kind schließlich an die Hand nehmen und behutsam in die Gegenwart führen.