Wer ist Schuld an Schuldgefühlen?

Schuldig fühlen wir uns, wenn wir uns nicht so verhalten, wie es erwartet wird oder wie es bestimmten Vorgaben oder Regeln entspricht. Für eine objektive Bewertung des Fehlverhaltens und der „Berechtigung“ des Schuldgefühls müssen wir jedoch unterscheiden, in welchem Kontext die Regel aufgestellt wurde und auf welcher Ebene ein Fehlverhalten stattfand.

 

Fehlverhalten gegen Verfassungen, Gesetze etc.: Sie haben die Funktion, für die Mitglieder einer Gesellschaft einen Regelkodex zur Verfügung zu stellen, sie zu schützen und ihre freie Entwicklung sowie den Zugang zu Ressourcen zu fördern, um letztendlich ein besseres Miteinander zu erzielen. Auch wenn wir so manche Regeln hinterfragen und ihre Sinnhaftigkeit in Zweifel ziehen, müssen wir bei Nichtbeachten mit Konsequenzen rechnen (z.B. beim Missachten der Straßenverkehrsordnung, bei Steuerhinterziehung, bei tätlichem Verhalten gegenüber einer anderen Person usw.).

 

Fehlverhalten gegenüber moralischen / ethischen Regeln: Diese Regeln basieren darauf, dass man keinem Anderen vorsätzlich Schaden zufügen darf, was durchaus gerechtfertigt und sinnvoll ist und eine Grundvoraussetzung für ein friedvolles Zusammenleben darstellt. Teilweise sind sie in Verfassungen und Gesetzen integriert, so dass ein Fehlverhalten entsprechend geahndet wird. Werden diese übergeordneten Bereiche nicht tangiert, so muss jeder persönlich für sich entscheiden, was er moralisch und ethisch vertretbar findet (z.B. Untreue gegenüber dem Partner, (Not-)lügen, Umgang mit Tieren und Umwelt etc.).

 

Fehlverhalten gegenüber gesellschaftlichen Regeln: Diese Regeln gelten innerhalb einer Gesellschaft, sind aber je nach Zugehörigkeit zum jeweiligen gesellschaftlichen Kontext veränderlich und Zeitströmungen unterworfen. Ihre Einhaltung wird unterschiedlich bewertet und gewichtet; z.B. „Man muss am Samstag die Straße kehren.“ Eine Nichtbeachtung könnte beispielsweise den Ausschluss aus einer Gesellschaft oder den Verlust von Ansehen zur Folge haben. Möglicherweise bringt es einem aber auch Respekt und Ansehen ein, weil man sich eben solchen Vorgaben und Normen nicht anpasst und eigenverantwortlich Entscheidungen trifft. So muss jeder im Einzelfall selbst entscheiden und zu den Konsequenzen stehen.

 

Fehlverhalten gegenüber familiären Regeln:

Diese Regeln haben innerhalb von Familien ihre Gültigkeit, sie können ausgesprochen oder unausgesprochen sein. Es gibt beispielsweise generationenübergreifende Traditionen und Normen, durch deren Einhaltung sich die Mitglieder Akzeptanz, Respekt und Zugehörigkeit sichern. Diese hin und wieder zu hinterfragen, kann durchaus Sinn machen, aber auch hier muss man bei Nichteinhaltung mit entsprechenden Konsequenzen leben...

 

 

Fehlverhalten gegenüber persönlichen Regeln: Diese beruhen auf individuellen Vorgaben, die ich mir selber auferlege und denen die unterschiedlichsten Ursachen, Absichten und Ziele zugrunde liegen. Z.B. „Ich muss eine gute Hausfrau sein!“, „Ich muss immer freundlich und hilfsbereit sein!“, „Ich darf nicht so viel Geld ausgeben!“

...womit wir schon bei unseren einschränkenden Glaubenssätzen angelangt wären, aber das ist eine andere Geschichte.....! Es macht durchaus Sinn, diese zu hinterfragen und gegebenenfalls einem Update zu unterziehen. Ihnen die Erlaubnis für eine Schuldzuweisung uns gegenüber zu erteilen, ist unserem Selbst- und Lebenswert jedenfalls nicht förderlich!

 

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass man in jedem Fall der „Regelübertretung“ die Verantwortung für sein Verhalten oder Handeln übernehmen und mit den Konsequenzen leben muss. Egal, in welchem Zusammenhang die Regel aufgestellt wurde, bei der objektiven Bewertung eines Fehlverhaltens spielt es immer eine Rolle, ob wir mit unserem Verhalten oder Handeln jemand anderem bzw. uns selbst schaden können. In diesen Fällen ist das Gefühl von Schuld gerechtfertigt.

 

Wenn ich also nach gründlicher Erforschung und Reflexion der zugrundeliegenden Regelverletzung wirklich der Meinung bin, einen Fehler gemacht zu haben und mein Schuldgefühl berechtigt ist, sollte ich versuchen, mit mir wieder ins Reine zu kommen. D.h. zunächst mir selbst verzeihen für das, was ich getan habe. Hilfreich kann es sein, mit der betreffenden Person das Gespräch zu suchen und um Entschuldigung zu bitten, wenn es mir aufrichtig Leid tut und ich meinen Fehler bereue.

 

Jedoch haben wir die Neigung, uns schuldig zu fühlen, obwohl wir niemandem Schaden zugefügt haben oder dies beabsichtigt haben. Hilfreich ist es dann, zu schauen, was der Auslöser für das Schuldgefühl ist, welche „Regel“ wir tatsächlich missachtet haben und in welchen Kontext sie eingebettet ist. Wenn andere Menschen uns Schuldgefühle einreden möchten (verbal oder nonverbal), steckt dahinter also die Missachtung einer bestimmten „Regel“, die sich auf die Gesellschaft, die Familie oder die Person selbst und ihre Vorstellung davon, wie man sich zu verhalten hat, beziehen kann.

Schuldgefühle... Wie wir sie entmachten können

An einem Beispiel möchte ich deutlich machen, wie wir das Gefühl von „Schuld“ entmachten können:

 

Eine Freundin, die seit kurzem wieder Single ist, bittet mich, mit ihr übermorgen ins Kino zu gehen. Es fällt mir schwer, aber ich lehne ab, weil ich am nächsten Tag einen wichtigen Termin habe, bei dem ich frisch und ausgeschlafen erscheinen möchte. Jetzt ist sie sauer und enttäuscht und wirft mir vor, dass ich nie Zeit für sie hätte, vor allem jetzt, wo sie eine Abwechslung gut hätte gebrauchen können...

 

Ich spüre, wie mein schlechtes Gewissen sich meldet. Es beginnt, ein diffuses Schuldgefühl in mir hochzukriechen und ich kann meine innere Stimme hören: „Sie ist jetzt allein und neigt dazu, sich zu verkriechen. Und du hättest jetzt die Möglichkeit, sie „rauszuholen“, tust es aber nicht. Ist das nicht deine Pflicht als Freundin, ihr zu helfen, dass es ihr besser geht? Wie würdest du dich an ihrer Stelle fühlen?...“

 

Ich frage mich zunächst, welche „Regel“ ich übertreten habe. Es ist in diesem Fall eine unausgesprochene Regel meiner Freundin, die lautet: „Du musst für mich da sein, vor allem, wenn es mir schlecht geht!“

 

Was bedeutet es nun, wenn ich dem hochkriechenden Schuldgefühl Raum gebe und es annehme? Es ist interessant zu überlegen, welche Vorannahmen bezüglich meiner Freundin hier angenommen werden müssten:

 

Wenn ich davon ausgehe, dass die Missachtung dieser Regel jetzt Leid oder Unglück meiner Freundin zur Folge hat, bedeutet dies, dass es in meiner Hand liegt, ob sie glücklich oder unglücklich ist. Dies wiederum bedeutet jedoch eine Entmachtung ihrer Person, denn ich spreche ihr die Verantwortung und Freiheit ab, ihr Befinden und ihre Gefühle selbst steuern zu können. Ihre Befindlichkeit ist also von meinem Verhalten abhängig. Sie scheint es nicht selbst beeinflussen und kontrollieren zu können, wie sie sich fühlen möchte, so dass ein Täter-Opfer-Gefälle entsteht. Ich als Täter habe dann ziemlich viel Einfluss über das Befinden meiner Freundin und fühle mich schuldig, während sie als Opfer passiv bleibt und sich ihrer Abhängigkeit nicht bewusst werden kann. Ich nehme ihr die Chance, ihre Gefühle zu hinterfragen und selbst aktiv zu werden, um durch die Übernahme von Verantwortung ihre Befindlichkeit selbst zu steuern.

 

Also: Wäre es nicht besser, diese Verantwortung gar nicht erst anzunehmen, in dem ich die vermeintliche Macht darüber, ob sie sich glücklich oder unglücklich fühlen soll, wieder an sie zurückgebe? Wenn ich die Verantwortung nicht annehme, kann ich mich nicht schuldig fühlen. Ich kann vielleicht ein schlechtes Gewissen haben, aber wenn ich die beiden Aussagen

 

Ich bin SCHULD und Ich habe ein SCHLECHTES GEWISSEN

 

nebeneinander stelle, merke ich, dass ich mich bei letzterer wesentlich leichter fühle, weil sich der Zusammenhang zwischen Ursache (mein Verhalten) und Wirkung (ihr schlechtes Gefühl) aufgelöst hat. Außerdem kann man leichter daran arbeiten, sich von etwas zu trennen, was man HAT. In diesem Fall könnte ich mit der Freundin reden, ihr den Standpunkt sachlich erklären, Verständnis und Mitgefühl zeigen, andere Vereinbarungen treffen… Sich von etwas zu trennen, was man IST, gestaltet sich als schwieriger, weil dadurch die eigene Identität betroffen ist.